Erfahrungsberichte

Mein Persönlicher
Erfahrungsbericht

Seit etwa 1,5 Jahren bin ich mit Tim zusammen. In der ersten Kennenlernphase haben wir uns eigentlich fast täglich gesehen, so lag es für uns beide ziemlich nahe, dass er nach ein paar Monaten schon bei mir einzog. Zu zweit auf 41 m2 – in München wahrscheinlich keine Seltenheit – aber auf so engem Raum muss man schon gut miteinander klarkommen. Und das tun wir auch, zumindest sind wir sogar trotz Corona und Homeoffice immer noch zusammen.

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Mein Freund & ich im Urlaub

Die berühmten gegensätze

Tim hat einen hohen Blutdruck – ich einen niedrigen. „Gegensätze ziehen sich an.“, sagt man und das trifft bei uns wohl nicht nur auf den Blutdruck zu. Ich der eher aktive, intuitive und rastlose Typ – Tim sehr bedacht, analytisch und ein absoluter Ruhepol. Im Herbst letzten Jahres fing es an, dass dieser Ruhepol ziemlich unruhig wurde. Zunehmend klagte Tim über den hohen Blutdruck und das Gefühl von Herzrasen. Er ging erstmal zum

Hausarzt, dabei wurde sein veranlagter hoher Blutdruck festgestellt, aber aus physiologischer Sicht keine weiteren Erkrankungen.

Das hieß also erst einmal weiter beobachten und blutdrucksenkende Medikamente nehmen.

 

Ich ging das Ganze erstmal pragmatisch an, kochte vermehrt pflanzlich (die von nicht jedem geliebte rote Bete kam öfter zum Einsatz) und nahm Tim zum Yoga mit. Ich dachte, die Dinge, die mir gut tun und das war vor allem Bewegung und aktiv sein, würden auch ihm etwas bringen. Im Nachhinein weiß ich, dass das nicht so ist. Das Yoga und die Meditation haben ihm tatsächlich sehr geholfen, aber nicht alles, was ich vorschlag war auch für ihn passend.

 

Statt besser zu werden trat das Gegenteil ein, immer öfter hatte Tim Herzrasen und fing an Angststörungen zu entwickeln. Die morgendliche Fahrt mit der U-Bahn voller Menschen wurde zur Herausforderung. Das intensive Crossfit Training, das sonst bis zu dreimal in der Woche für ihn auf dem Plan stand, ließ er auch immer öfter ausfallen. 

Unser Alltag veränderte sich

Zu diesem Zeitpunkt – es waren schon ein paar Wochen vergangen – war ich mal wieder auf Dienstreise. In der Regel verbringe ich jede zweite Woche für ein paar Tage unterwegs. Oft verbinde ich Termine in Hamburg mit einem Familienbesuch zu Hause. So war es auch diesmal und ich blieb insgesamt fast 1,5 Wochen im Norden.

 

Als ich zurückkam – es war glaube ich abends gegen 21 Uhr – hatte Tim schon geschlafen. Er wachte auf und stand auf und ich bekam einen ziemlichen Schreck, es war als hätte er in dieser Zeit 5 kg abgenommen. Bei einem sehr sportlichen, schlanken Menschen war das schon auffällig.

Es stellte sich heraus, dass er in dieser Zeit  meistens nach der Arbeit direkt nach Hause ins Bett gegangen war und somit nichts zu Abend gegessen hatte. Rückblickend betrachtet war dies vermutlich der Beginn der Hochphase der Depression für Tim, bei mir sollte mein persönlicher Tiefpunkt erst ein paar Wochen später eintreffen.

 

Der eh schon ruhige und stille Typ wurde immer wortkarger und in sich gekehrt. Sein Fokus lag auf seinem hohen Blutdruck auf den er sich ziemlich einschoss. Mehrmaliges tägliches Blutdruckmessen und häufige Besuche beim Arzt waren die Folge. Diese resultierten in zwei nächtlichen Krankenhausaufenthalten, weil wir beide nicht mehr wussten, wie wir mit seinem Herzrasen umgehen sollten , der Krankenwagensanitäter stellte einen Blutdruck von 170 / 110 fest.

 

Die Verhaltensweisen, die mir mein Freund zeigte, erinnerte mich in Teilen sehr an die meiner Schwester, die Anfang des Jahres mit Hypochondrie und somatoformen Störungen – körperliche Beschwerden, obwohl häufig keine klare organische Ursache gefunden werden kann – zu kämpfen hatte. Daher fragte ich ihn in regelmäßigen Abständen, ob er schon einmal überlegt hatte eine Psychotherapie in Betracht zu ziehen. Sein Hausarzt sah dies ähnlich und im November fand sein erster Kennenlerntermin mit einer Therapeutin statt.

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Was du anders machen könntest.

Aus meinen persönlichen Erfahrungen habe ich einiges gelernt und mitgenommen. Was genau du anders oder besser machen könntest als ich, habe ich dir in dem Sofort Hilfe Guide zusammengefasst.

Die darauffolgenden Wochen sahen alle gleich aus. Die Stimmung war gedrückt und viel unternommen haben wir nicht. Während der Woche war ich bemüht nach der Arbeit den Abend schön zu gestalten und immer frisch zu kochen, ein Gespräch anzufangen und die Stimmung vielleicht zu heben. Doch nach einem wortkargen essen ging Tim meistens direkt zu Bett. Nebenbei kümmerte ich mich noch um den Rest des Haushaltes, ging immer einkaufen, machte die Wäsche etc.. Um mich selbst kümmerte ich mich immer weniger, wenn überhaupt dann versuchte ich irgendwo noch eine Yogastunde dazwischen zu klemmen. Aber sonst übliche soziale Aspekte, wie Freunde treffen oder regelmäßige Afterworks strich ich komplett – ich hatte immer ein schlechtes Gefühl, wenn ich nicht zu Hause war. Das ging so weit, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam, wenn ich auf Dienstreise war. 

 

Ein Highlight sollte uns Ende des Jahres eigentlich bevorstehen – bereits seit einigen Monaten geplant war eine dreiwöchige Reise nach Südafrika inkl. Wandersafari, Weintasting und Roadtrip. Alle Unterkünfte und Aktivitäten hatte ich lange rausgesucht und viel Zeit damit verbracht unseren großen Jahresurlaub zu planen. Man ahnt bereits, dass auf Grund unserer Situation die Reise auf der Kippe stand. Tim war sich nicht sicher, ob er sich dazu in der Lage fühlte, ins Besondere die lange Flugzeit machte ihm Sorgen. Unter anderem deswegen entschied er sich auch für die Einnahme von Antidepressiva im Dezember – das war zwei Wochen vor dem geplanten Urlaub. Man sagt, dass es etwa zwei Wochen dauert bis die Medikamente ihre Wirkung entfalten und an diesen Halm klammerten wir uns.

Als ich nicht mehr weiterwusste, half mir mein Freund

23.12.2019 – zwei Tage vor Abflug die Entscheidung, dass wir nicht fliegen – seine Entscheidung.

Für mich fiel das Kartenhaus zusammen, ich war tatsächlich erschöpft, müde und unglaublich enttäuscht. Ich fing einfach an zu weinen, für eine halbe Stunde und konnte nicht aufhören – nichts, was Tim sagte oder versuchte drang zu mir durch. Die letzten Wochen waren so unglaublich anstrengend und nervenzehrend gewesen, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte als in den Urlaub zu fahren und alles vergangene auch tatsächlich in der Vergangenheit zu lassen. Doch die Gegenwart holte mich ein und ich konnte nichts tun als es zu akzeptieren, wie es ist.

Das war tatsächlich mein persönlicher Tiefpunkt, ich wusste nicht mehr weiter.

 

Nach antriebslosen Wochen ergriff diesmal tatsächlich Tim die Initiative und machte einen Alternativvorschlag. Die Urlaubstage wollten wir beide nicht absagen und Weihnachten stand kurz vor der Tür. Noch am selben Tag, nachdem wir Flüge, Unterkünfte und den Mietwagen für Südafrika stornierten, saßen wir einige Stunden später im Auto und fuhren zu meiner Familie nach Schleswig-Holstein, um die Weihnachtstage dort zu verbringen und danach eine Woche in einem kleinen Ferienhaus an Dänemarks Küste zu verbringen.

 

Es waren unaufgeregte und ruhige Tage, wahrscheinlich haben wir das auch gebraucht.

Trotz allem heilt ein Urlaub keine Depression. Wieder in München versuchten wir zurück in unseren Alltag zu finden und ich arbeite daran offener mitzuteilen, wenn auch ich Probleme hatte oder überfordert war. Das hat auf jeden Fall geholfen, doch unbeschwert war es deshalb noch lange nicht. Oft habe ich versucht zu motivieren und Anreize zu geben, um positive Erlebnisse zu schaffen und ihn aus seiner in-sich-gekehrten Situation rauszuholen. Nicht selten stieß ich dabei auf eher taube Ohren.

Was hat mir geholfen?

Darüber mit anderen zu reden, hat mir auf jeden Fall geholfen meine Situation zu reflektieren. Ins Besondere die Gespräche mit meinen Eltern und meiner Schwester, die eine ähnliche Phase schon einmal mitgemacht haben und mich einfach sehr gut kennen, haben mir ein gutes Gefühl gegeben.

Was würde ich nicht nochmal machen?

Meinen ganzen Fokus auf meinen Freund und die Erkrankung zu legen und mich so wenig um meine eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Manchmal habe ich zu viel bestimmt oder vorgegeben, ich dachte, dadurch könnte ich die Situation besser kontrollieren.

Mittlerweile ist die Stimmung besser, wir haben beide gemeinsam und jeder für sich allein gute Wege gefunden, wie wir mit der Depression umgehen können. Dabei hat es mir enorm geholfen herauszufinden, was Stress bei mir erzeugt und wobei ich abschalten kann. So konnte ich bewusster entscheiden, womit ich meine Zeit verbringe. Nach wie vor fällt es mir schwer für längere Zeit weg zu sein und manchmal überkommt mich auch eine Art schlechtes Gewissen, wenn ich den Abend mit Freundinnen verbringe und Spaß habe. Wie bei vielen Dingen ist auch dies ein Prozess, der nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann. 

Mir hat diese Zeit auf jeden Fall gezeigt, wie wichtig Offenheit und Akzeptanz ist und dass ich in meiner Situation nicht alleine bin.

Hast du auch eine persönliche Geschichte, die du erzählen möchtest?

2 Kommentare zu „Erfahrungsberichte“

  1. Danke für deinen Erfahrungsbericht. Jede*r Angehörige macht seine eigenen Erfahrungen und lernt damit zu leben. Ich glaube auch, dass es am wichtigsten ist, auf sich selbst und seine eigene Kraft zu achten. Dann kann man auch eine Stütze sein. Wünsche euch von Herzen viel Kraft, Mut und Glück für die Zukunft.

    1. Hallo Roland,
      vielen Dank für deinen Kommentar und deine positiven Wünsche!
      Du hast absolut Recht damit, dass jede*r eigene Erfahrungen macht und für sich herausfindet, was gut funktioniert.
      Alles Gute für dich!

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